Die nationalistische Revolution

19. Juli 2011

Ein Text von Ernst Jünger, veröffentlicht in „Die Standarte“, Mai 1926

Durch den Ehrentitel Nationalisten wollen wir uns nicht nur auf das Schärfste von jenen abwenden, denen dieses Wort das Verruchte schlechthin bedeutet, sondern vom friedlichen Bürger überhaupt. Eine Bewegung, die die Werte des Lebens mit kriegerischen Mitteln verfechten will, und die sich den Teufel darum kümmert, ob diese Mittel von einer verallgemeinernden Moral gebilligt werden oder nicht, ist auf Kriegsmänner angewiesen, auf wirkliche, vollblütige Kerle, die mit Lust und Liebe bei der Sache sind. Das sind nicht jene Krämer und Marzipanfabrikanten, mit denen ein Zeitalter der allgemeinen Wehrpflicht die Heere verwässert, sondern Männer, die gefährlich sind, weil es ihnen eine Lust ist, gefährlich zu sein.

 

Das sind nicht jene behaglichen Gemüter, die den Staat für gerettet halten, wenn eine Generalsuniform oder ein schwarz-weiß-rotes Fähnchen über die Straße getragen werden darf, und denen mit dem Einsturz der Throne die Weltgeschichte ihren Sinn verloren zu haben schien. Ja, wenn diese Vertreter der Ruhe, der Ordnung und der Beharrungskraft, denen der Liberalismus für die Lieferung des unerschöpflichen Stoffes seiner Betriebsamkeit Pensionen zahlen müsste – wenn sie als Kämpfer des Nationalismus aufträten, dann wäre allerdings der Bestand der Novemberrepublik garantiert. Da wäre kein Schutzgesetz nötig und mit der gegenseitigen Entrüstung zwischen konservativem und demokratischem Liberalismus müsste sich das Bedürfnis nach Bewegung zufrieden geben, wenn es nicht zuweilen auf einige blutmäßige Zufuhr durch den Kommunismus hoffen dürfte.

Aber mit solcher Biederkeit wird auf die Dauer nicht gerechnet werden können. Mit überraschender Deutlichkeit hebt sich aus dieser Zeit die Möglichkeit einer nationalen Revolution und damit ergibt sich für den Liberalismus die Gefahr, der großen und scheinbar endgültigen Beute des Jahres 1918 mit einem Schlage, und zwar durch einen Akt von erfrischender Gesetzlosigkeit beraubt zu werden. Der Nationalismus selbst ist über diese Möglichkeit erstaunt, die ganz undenkbar wäre ohne alles Vorausgegangene, ohne den Krieg, den Umsturz und das Verhältnis der Kräfte, das aus ihm hervorgegangen ist. Seine Träger, eben die Nationalisten, waren so gewöhnt an die Bindung ihres Willens an einen großen, überlieferten Apparat, dass ihnen mit dem Verschwinden dieses Apparates auch die Willenskraft verloren gegangen zu sein schien. Denn der Nationalismus hat alles dieses nicht abgestreift wie einen abgetragenen Rock, sondern er brauchte lange Zeit, um den Komplex von Formen eines alten Staates auch innerlich zu überwinden, lange nachdem sie der realen Welt nicht mehr angehörten. Bei seinem ersten, noch unklaren Aufstand in München stand der Nationalismus mitten in diesem Prozess. Aber mit seinem Fortschreiten wurden völlig neue Gefühle wach. Der Wille zur Macht sah sich nicht mehr gebunden, nicht mehr verpflichtet, sondern völlig befreit, so befreit, wie es der deutsche Wille vielleicht nie vordem gewesen ist.

So ergibt sich für den Nationalismus eine ganz klare Lage. Der formale Bestand der Vergangenheit ist abgeschlossen, seine Pflege kann den Spießbürgern einerseits und den Blättern vom Schlage der „Weltbühne“ andererseits überlassen werden. Die erste, selbstverständliche Pflicht des Nationalismus ist es, diesem auf einer untergeordneten Ebene liegenden Kampfplatz ohne jedes Ressentiment den Rücken zu kehren. Seine Aufgabe ist es vielmehr, mit allen Mitteln den Kampf gegen den augenblicklichen Bestand zu rüsten, der durchaus der Bestand von 1919, mit einigen für den Spießbürger berechneten Verschönerungen der Fassade ist. Hier darf kein Stein auf dem anderen bleiben.

Den Nationalismus zu dieser Aufgabe fähig gemacht zu haben, ist der eigentliche Sinn der Revolution von 1918. Durch sie ist nicht nur die Scheu durchbrochen, die der Deutsche vor Revolutionen überhaupt besitzt, sondern sie hat auch alle wesentlichen Steine aus dem Wege geräumt, die einem schrankenlosen nationalistischen Wollen innere Hemmungen hätten bereiten können. Diesen Weg zu einem durchaus revolutionären zu gestalten, ist unumgänglich, nicht nur, um dem Liberalismus unter Umgehung aller gesetzmäßigen Mätzchen den Todesschlag zu versetzen, sondern unumgänglich auch zur Stärkung des nationalistischen Willens selbst. Der Nationalist darf keine andere Möglichkeit auch nur ins Auge fassen. Er hat die heilige Pflicht, Deutschland die erste wirkliche, das heißt von sich rücksichtslos bahnbrechenden Ideen getriebene Revolution zu schenken.

Revolution, Revolution! Das ist es, was unaufhörlich gepredigt werden muss, gehässig, systematisch, unerbittlich, und sollte dieses Predigen zehn Jahre lang dauern. Noch haben wenige diese Forderung in ihrer ganzen Schärfe erkannt, noch steht das sentimentalistische Gefasel von Verbrüderung und Einigung durch alle möglichen und unmöglichen Arten von Geist in voller Blüte. Zum Henker damit oder in die Parlamente, wo das am Platze sein mag. Es gibt in der endlichen Welt keine Verbrüderung von Gegensätzen, es gibt nichts als Kampf. Die nationalistische Revolution braucht keine Prediger von Ruhe und Ordnung, sie braucht Verkünder des Satzes: „Der Herr wird über euch kommen mit der Schärfe des Schwertes!“ Sie soll den Namen Revolution von jener Lächerlichkeit befreien, mit der er in Deutschland seit fast hundert Jahren behaftet ist. Im großen Kriege hat sich ein neuer gefährlicher Menschenschlag entwickelt, bringen wir diesen Schlag zur Aktion!

Darum an die Arbeit, Kameraden! Suchen wir unseren Einfluss in den Kampfbünden zu stärken, denn ihre Revolutionierung ist die erste Notwendigkeit. Weniger Gemütlichkeit, weniger Mitglieder, mehr Aktivität! Zentrale Vorbereitung! Heran an die Arbeiterschaft! Weg mit allem faulen Zaubern der Wirtschaftsfriedlichkeit! Wir sind keine Drahtzieher des Arbeitgebertums. Die nationalistischen Kampfgewerkschaften sind auszubauen und zu zentralisieren, ihre Führung kommt Arbeitern von nationalistischem Schlage zu. Auf den nationalistischen Barrikaden wird ihnen Größeres verwirklicht werden als es der Marxismus in fünfzig Jahren vermochte. Wie sieht es auf den Universitäten, in der Jugendbewegung und an jenen anderen Stellen, die für uns in Frage kommen, aus? Was ist eine Keimzelle? Wodurch bejaht man einen Staat? Durch Mitarbeit und durch Opposition. Wodurch negiert man ihn? Indem man sich von ihm abschließt, ihn aushungert, und indem man einen Staat im Staate bildet, selbständig in sich von der Idee bis zu den Machtmitteln, welche für sie einzusetzen sind. Wie bejaht man die deutsche Nation? Indem man sie anerkennt, wie man nur etwas anerkennen kann, das heißt, indem man nationalistisch ist.

Nationalist sein hieß im Kriege, für Deutschland sterben zu wollen, es heißt heute, für ein schöneres und größeres Deutschland die Fahne der Revolution erheben. Das ist ein Ziel, das der besten und feurigsten Jugend dieses Landes würdig ist.


Autor: Ernst Jünger, im Jahr 1926

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